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Steuern & Recht

Amazon Steuern Deutschland: Leitfaden für Verkäufer

Ein umfassender Leitfaden zu Umsatzsteuern für Amazon-Seller. Erfahren Sie mehr über Lieferschwellen, OSS-Verfahren und Steuerpflichten im Ausland.

·12 min Lesezeit

Die EU-Umsatzsteuerreform und der One-Stop-Shop für Amazon-Seller

Die bestehenden Umsatzsteuerregelungen wurden für Unternehmen der 1980er und 1990er Jahre konzipiert -- nicht für den modernen E-Commerce. Das schafft erhebliche Herausforderungen für Amazon-Seller, die schnell im Ausland steuerpflichtig werden, wenn Amazon Ware in ausländischen Lagern einlagert oder Lieferschwellen überschritten werden.


Was die Umsatzsteuerreform von 2021 bewirkt

Die EU-Umsatzsteuerreform hat ein One-Stop-Shop-Verfahren (OSS) eingeführt. Das Ziel: Seller sollen alle ausländischen Verkäufe über das Finanzamt ihres Heimatlandes melden können, ohne separate ausländische Steuernummern zu benötigen. Die bisherigen länderspezifischen Lieferschwellen wurden durch eine einheitliche europäische Schwelle von 10.000 EUR ersetzt.

Zeitplan der Umsetzung

Ursprünglich für den 1. Januar 2021 geplant, wurde die Reform aufgrund von COVID-19 um rund sechs Monate verschoben. Deutschland und die Niederlande hatten um weitere Verzögerung gebeten. Die Umsetzung erfolgte schließlich Mitte 2021, wobei es zu Verwirrung kam, als einige Finanzbehörden veraltete Mitteilungen verschickten, die eine sofortige Abschaffung der Schwellen nahelegten.

Auswirkungen auf Amazon-Seller

Die neuen Regelungen sind nicht vollständig auf Amazon-spezifische Dienste zugeschnitten. Seller, die FBA mit ausländischen Lagern oder PAN-EU-Strukturen nutzen, können den One-Stop-Shop nicht verwenden und müssen weiterhin ausländische Steuerregistrierungen aufrechterhalten. Die Gesetzgebung hinkt den modernen Geschäftspraktiken hinterher.

Zusammenfassung: Der OSS vereinfacht viel, aber nicht alles. Wer Ware in ausländischen Amazon-Lagern hat, braucht weiterhin lokale Steuerregistrierungen.


Das Programm Mitteleuropa: Amazons Erweiterung des Logistiknetzwerks

Was ist das Programm Mitteleuropa?

Das Programm Mitteleuropa erlaubt es Amazon, Inventar aus Polen und Tschechien neben deutschen Fulfillment-Centern einzulagern und von dort zu versenden. Teilnehmende Seller erhalten einen Versandrabatt von 0,50 EUR pro Artikel -- unabhängig davon, von welchem Standort die Ware tatsächlich verschickt wird.

Steuerpflicht im Ausland

Die Einlagerung von Ware im Ausland löst sofort die Steuerpflicht in dem betreffenden Land aus -- ab dem ersten Verkauf und unabhängig von Lieferschwellen. Seller müssen sich vor Aktivierung des Programms in Seller Central für Steuernummern in Polen und Tschechien registrieren.

Vorbereitung und Zeitplanung

Die Beschaffung ausländischer Steuernummern dauert erfahrungsgemäß 2-3 Monate, da die Anträge an lokale Finanzbehörden weitergeleitet werden. Zusätzlich sollten Seller einen Lieferschwellenverzicht beantragen, um zu vermeiden, dass sie den höheren polnischen (23 %) oder tschechischen (21 %) Umsatzsteuersatz statt des deutschen (19 %) zahlen müssen. Dieser Verzicht erfordert eine Wartefrist von 30 Tagen.

Lohnt sich das Programm?

Laut Steuerexperten wird das Programm ab ca. 500-600 FBA-Verkäufen monatlich rentabel. Seller sollten die administrativen Kosten (Steuerberater, Meldepflichten) gegen die Ersparnis von 0,50 EUR pro Einheit gegenrechnen.

Laufende Pflichten

Eine Steuerregistrierung erlischt nicht automatisch. Auch wenn das Programm in Seller Central deaktiviert wird, bestehen die Meldepflichten bis zum Jahresende fort. Eine formelle Abmeldung -- mit Gebühren und Bearbeitungszeit -- ist erforderlich, um die Pflichten vollständig zu beenden.


Wann wird ein Amazon-Seller im Ausland umsatzsteuerpflichtig?

Steuerpflicht bei Lagerung ohne Verkauf

Die bloße Einlagerung ohne direkte Verkäufe (wie beispielsweise in Amazons slowakischem Retourenzentrum) löst keine Steuerpflicht aus. Seller müssen jedoch die Lagerorte regelmäßig überwachen, da Amazon gelegentlich Ware an nicht aktivierte Standorte umleitet.

Versteckte Lagerrisiken

Seller tragen die Verantwortung, die Standorte ihres Inventars zu verfolgen. Wer nicht bemerkt, dass Waren in unbeabsichtigten Ländern eingelagert sind, kann unwissentlich steuerpflichtig werden und riskiert im schlimmsten Fall eine Kontosuspendierung -- besonders in Ländern mit Marktplatzhaftungsregeln.

Tipp: Prüfen Sie regelmäßig Ihre Lagerberichte in Seller Central und nutzen Sie Tools wie Taxdoo, um Lagerstandorte und Steuerpflichten über alle Jurisdiktionen hinweg zu verfolgen.

Marktplatzhaftung

Amazon übernimmt in bestimmten Ländern die Haftung für nicht gezahlte Umsatzsteuer. Dafür müssen Seller Umsatzsteuer-Identifikationsnummern (nicht nur allgemeine Steuernummern) hinterlegen. Deutschland hat diese Regelung eingeführt, Frankreich ist gefolgt, und Österreich wird sie ebenfalls bald umsetzen.


Welche Strafen drohen bei Verstößen?

Strafrahmen

Die Strafen variieren erheblich je nach Land und Schwere des Verstoßes:

LandStrafmaß
ItalienBis zu 230 % der geschuldeten Umsatzsteuer in extremen Fällen
Polen100 PLN (ca. 25 EUR) pro nicht gemeldeter Transaktion bei SAF-T-Verstößen
DeutschlandSchätzungszuschläge + Verspätungszuschläge + Zinsen
Frankreich10-40 % Zuschlag je nach Verschulden

Aktuelle Entwicklungen

Polen verlangt neben den Standard-Umsatzsteuererklärungen jetzt auch SAF-T-Meldungen (Standard Audit File Text). Bei Nichteinhaltung drohen theoretisch 100 PLN (ca. 500 polnische Zloty) pro nicht gemeldeter Transaktion -- was bei großen Verkaufsvolumina existenzbedrohende Risiken schaffen kann.

Korrekturmaßnahmen

Wenn Fehler aufgetreten sind, sollten Seller:

  1. Rückwirkend registrieren im betroffenen Land, mit Angabe des Datums der Schwellenüberschreitung
  2. Erklärungen nachreichen mit korrekten Umsatzsteuerbeträgen
  3. Rückerstattungen beantragen für Überzahlungen im Heimatland

Dieser Prozess erfordert Aufwand, verhindert aber schwerwiegende Strafen.


Die Zukunft: Amazons Expansion in der EU

Europäische Expansionsstrategie

Amazon hat den niederländischen Marktplatz im März 2020 gestartet und plant den Ausbau der Lagerinfrastruktur. Weitere Marktplätze sind in Planung, darunter insbesondere Skandinavien mit Schweden als erstem Standort.

Skandinavien: Chancen und Herausforderungen

Die nordeuropäischen Märkte sind digital ausgereift und haben starke E-Commerce-Sektoren. Allerdings fehlen den meisten deutschen Sellern skandinavische Steuerregistrierungen. Eine genaue Beobachtung der Entwicklung der Fulfillment-Infrastruktur ist unerlässlich.

Typisches Expansionsmuster

Amazon startet gewöhnlich erst einen Marktplatz, bevor die FBA-Infrastruktur aufgebaut wird. Anfangs wird aus anderen Ländern versendet. Dies geschah auch bei Amazon.nl, wo Seller nun auf niederländische Lagerkapazitäten warten.

Was Seller beachten müssen

  • Lieferschwellen sorgfältig verfolgen, besonders für neue Marktplätze mit grenzüberschreitendem Versand
  • Multi-Channel-Verkäufe aggregieren -- Umsätze über alle Plattformen und Länder zusammenrechnen
  • Auf neue Lagerstandorte achten -- Amazon kündigt Lagererweiterungen nicht immer im Voraus an. Neue Standorte können unerwartete Steuerpflichten auslösen.

Tools wie Taxdoo oder hellotax helfen, Lagerstandorte und Steuerverpflichtungen über alle Jurisdiktionen hinweg im Blick zu behalten.


Fazit

Die Umsatzsteuer ist eines der komplexesten Themen für Amazon-Seller, die grenzüberschreitend verkaufen. Der One-Stop-Shop hat vieles vereinfacht, deckt aber nicht alle Szenarien ab -- insbesondere nicht für FBA-Seller mit ausländischen Lagern. Informieren Sie sich frühzeitig, registrieren Sie sich rechtzeitig und arbeiten Sie mit einem spezialisierten Steuerberater zusammen, der die Besonderheiten des Amazon-Geschäfts kennt.

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